Wie man einen Songtext schreibt (und wie auf keinen Fall)
Die meisten Texte sind ein Tagebucheintrag, der herausfand, was sich auf 'Herz' reimt, bevor er herausfand, was er sagen wollte.
Ein guter Songtext ist keine Poesie. Poesie liegt still auf der Seite und lässt dich sie zweimal lesen. Ein Text kommt einmal vorbei, im Tempo, an eine Melodie geklebt, und entweder er trifft oder nicht. Es gibt keinen zweiten Durchlauf, also macht jede Zeile sofort ihren Job oder sie ist weg.
The Full Truth
on Der Songtext einer Indie-Singer-Songwriterin für einen Track namens 'Paper Hearts'
Du hast 'apart' im selben Song zweimal auf 'heart' gereimt, was weniger ein Refrain ist als ein Geständnis, dass dir schon vor der zweiten Strophe der Stoff ausging.
- 01
Der Refrain ist ein Kühlschrankmagnet, keine Hook
Critical'Our paper hearts are torn apart' sind drei tote Metaphern, die sich an den Händen halten. Papierherzen, zerrissen, getrennt: nichts davon gehört dir, also wird nichts davon gefühlt. Ersetze das ganze Bild durch ein einziges echtes Objekt aus der echten Beziehung, und der Song klingt nicht mehr wie jeder andere.
- 02
Ein hörbarer Pronomen-Drift
NotableStrophe eins betrauert 'die Art, wie sie ging', Strophe zwei fleht 'komm zurück zu mir, du'. Du hast mittendrin gewechselt, für wen du singst. Wähl die abwesende 'sie' oder das anwesende 'du' und steh dazu, denn die Hörerin führt still Buch.
- 03
Null konkretes Detail in drei Strophen
CriticalNichts in diesem Song hätte nur dir passieren können. Kein Ort, kein Objekt, kein konkret falsch gesagter Satz. Gib mir die ungespülte Kaffeetasse oder die auf 'gelesen' stehengelassene Nachricht. Ein echtes Detail schafft mehr als hundert 'verblassende Erinnerungen'.
Our paper hearts are torn apart / I knew this love would fall apart
Du hast deinen Schlüssel neben dem Spülbecken gelassen / Er liegt noch da. Ich bring mich nicht dazu, hinzusehen.
Memories fade like falling rain / I'm drowning in this endless pain
Der Kocher ist lauwarm. Ich hab wieder zwei Tassen gemacht. / Ich trink sie beide, damit keine kalt wird.
- 1Streiche jedes abstrakte Substantiv (Schmerz, Träume, Zeit, Erinnerungen) und zwinge jede Zeile, stattdessen etwas zu benennen, das du fotografieren könntest.
- 2Sperre die Perspektive: wähle 'du' oder 'sie', schreib alle drei Strophen auf diese eine Anrede um, und lies es laut, um jeden Drift zu erwischen.
- 3Bau den Refrain um ein einziges echtes Objekt aus der echten Geschichte herum, dann teste ihn flach gesprochen ohne Melodie, ob er noch trifft.
- 4Streiche die Regen-Metapher und die cleverste Zeile, die dir bleibt, und ersetze die Bridge durch neue Information statt durch eine traurigere Wiederholung des Refrains.
That was a stranger's lyrics. Drop yours, I will go just as hard.
One coffee, from €2,99. No mercy.
Die Falle ist Aufrichtigkeit. Du hast etwas Echtes gefühlt, also nimmst du an, es schlicht hinzuschreiben sei ehrlich. Aber 'ich vermisse dich und bin traurig' ist kein Song, das ist ein Status-Update. Die Aufgabe ist, das eine konkrete, leicht schiefe Detail zu finden, das eine fremde Person dein privates Ding als ihr eigenes fühlen lässt. Dieses Detail ist das ganze Handwerk. Alles andere ist Reimschema und Glück.
- 01Eröffne mit einem konkreten Bild, nicht mit einem Gefühl. 'Im leeren Haus steht noch ein lauwarmer Wasserkocher' schlägt 'ich bin heute Nacht so einsam' jedes Mal.
- 02Schreib den Refrain zuerst und verdiene ihn danach. Wenn die Hook es nicht übersteht, flach und ohne Musik gesprochen zu werden, ist sie keine Hook, sondern ein Platzhalter.
- 03Nimm pro Strophe ein konkretes Detail, das nur du wüsstest. Die schiefe zweite Stufe, die Zigarettenmarke, der falsche Bus. Konkretheit ist das, was sich wie Wahrheit liest.
- 04Wähle eine Zeitform und ein 'du' und halte sie. Entscheide, ob das schon passiert ist, gerade passiert oder befürchtet wird, und drifte mitten in der Strophe niemals dazwischen.
- 05Streiche die Zeile, auf die du am stolzesten bist. Meist ist es die cleverste, die 'schriftstellerischste', und die mit einem Schild um den Hals: 'hier hat ein Mensch geschrieben'.
- 'Feuer' auf 'Begehren' und 'teurer' reimen, die heilige Dreifaltigkeit jedes Textes, geschrieben von jemandem, der nie eines davon hatte.
- Abstrakte Substantive stapeln, bis der Song nichts mehr bedeutet: 'zerbrochene Träume verblassender Zeit in zersplittertem Licht'. Vier Wörter, die null Arbeit leisten.
- Die 'oooh' und 'yeah', die als Platzhalter nie ersetzt wurden, jetzt tragend, jetzt 40 Prozent der Laufzeit.
- In der ersten Strophe 'sie' singen und in der zweiten 'du', weil du vergessen hast, für wen du singst. Die Hörerin nicht.
- Eine Bridge, die den Refrain nur mit etwas traurigerer Stimme wiederholt, als wäre Wiederholung ein Gefühl und keine Taktik.